Donnerstag, 6. März 2014

Verbalonanie-Verbot für Sibylle Lewitscharoff

Was ist eigentlich in diesem Land los? Welche faulig phosphoreszierenden Giftblüten bringt der Wettbewerb um die allerstärkste „starke Meinung“ und die allerinkorrekteste politische Inkorrektheit eigentlich noch hervor? Offenbar muss mittlerweile wöchentlich ein führender Intellektueller seinem dumpfen Drang nachgeben, irgendwelchen anderen Bevölkerungsgruppen die volle Menschlichkeit (und indirekt damit wohl auch das Daseinsrecht) abzusprechen. Die vielfach preisgekrönte Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff hat nun in diesem Entmenschlichungswettstreit eine neue Dimension erreicht, indem sie die allerunschuldigste Bevölkerungsgruppe dämonisiert und als Produkt „abartiger“ und „widerwärtiger“ Frankenstein-Machenschaften bezeichnet: Kinder.

Natürlich dehumanisiert sie nicht alle Kinder. Sondern nur die „nicht ganz echten“. In ihrer „Dresdener Rede“ mit dem Titel „Von der Machbarkeit. Die wissenschaftliche Bestimmung über Geburt und Tod“, die sie am Wochenende im Schauspielhaus der sächsischen Hauptstadt gehalten hat, spricht sie Kindern das Menschsein ab, die durch künstliche Befruchtung gezeugt wurden. Sehr zum Entsetzen der Zuhörer und auch des einladenden Theaters, dessen Chefdramaturg Robert Koall, ihr – ein ungewöhnlicher Vorgang – in einem offenen Brief widersprach und seine Fassungslosigkeit ausdrückte.

In der ekelhaftesten Passage der von Ekelhaftigkeit triefenden Tirade begründet Lewitscharoff ihren Widerwillen gegenüber In Vitro gezeugten Kindern so: „Weil mir das gegenwärtige Fortpflanzungsgemurkse derart widerwärtig erscheint, dass ich sogar geneigt bin, Kinder, die auf solch abartigen Wegen entstanden sind, als Halbwesen anzusehen. Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas.“

Gesteigert werden kann Frau Lewitscharoffs Widerwille nur noch, wenn sich gar zwei Frauen anmaßen, „Frau Doktor und Herr Doktor Frankenstein, die weithin geschätzten Reproduktionsmediziner“ zu beauftragen, ihnen bei der Erfüllung ihres Kinderwunsches behilflich zu sein. Sie trug vor: „Grotesk wird es aber spätestens in anderen, inzwischen durchaus zahlreichen Fällen, [...] in denen sich lesbische Paare ein Kind besorgen, indem entweder ebenfalls ein anonymer Spender oder ein naher Verwandter der Freundin der künftigen Mutter herangezogen wird, um sein Sperma abzuliefern.“

Damit war der Punkt „Verächtlichmachung von Nicht-Heterosexuellen Menschen“ aus dem Standard-Rezept zur Herstellung von solchen politisch inkorrekten Suaden abgehakt. Nun fehlte nur noch ein Nazi- oder Stalin-Vergleich. Frau Lewitscharoff beeilte sich, ihrem Süppchen, auch diese Ingredienz hinzuzufügen: „Mit Verlaub, angesichts dieser Entwicklungen kommen mir die Kopulationsheime, welche die Nationalsozialisten einst eingerichtet haben, um blonde Frauen mit dem Samen von blonden blauäugigen SS-Männern zu versorgen, fast wie harmlose Übungsspiele vor.“

So weit, so hirnrissig. Natürlich hat die Autorin in ihrer Rede die üblichen Distanzierungsfloskeln eingebaut, von denen mittlerweile offenbar alle glauben, wenn man sie benutze, könne man jeden Dreck sagen, ohne dafür wirklich verantwortlich zu sein: „für mich“, „mir erscheint“, „in meinen Augen“, „das ist gewiss ungerecht“, „mit Verlaub“ und „ich übertreibe, das ist klar, ich übertreibe“. Angesichts dessen fragt der Dresdener Chefdramaturg Koall: „Was wollen Sie mit dem letzten Satz sagen? Dass nur, weil man etwas sagt, das noch lange nicht heißt, dass man es auch so meint?“

Man kann sich über Lewitscharoffs Rede aus vielerlei Gründen aufregen. Mich widert sie aus zwei persönlichen Gründen ganz besonders an.

Erstens, weil ich vor 52 Jahren „unehelich“ geboren wurde . Ich erinnere mich noch ganz gut, wie mir, dem „Italiener-Balg“, böse Tanten, die Frau Lewitscharoff ganz ähnlich waren, zu verstehen gaben, dass ich in ihren Augen minderwertig war. Denn ich wurde nicht auf die Art gezeugt, die sie für die einzige akzeptable hielten.

Zweitens tritt Frau Lewitscharoff ja seit längerer Zeit mehr und mehr als „christliche“ Stimme auf. Und man hört bei ihr einen Nachhall biblischer Verdammung jeder unrechtmäßigen Verwendung des Samens – etwa wenn sie ein „Onanieverbot“ als „weise“ bezeichnet.

Angesichts solcher Verdrehungen der christlichen Botschaft kommt man zum Schluss, dass ein Verbal-Onanie-Verbot für Sibylle Lewitscharoff sehr weise wäre. Denn Jesus hat gesagt: „Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solcher ist das Reich Gottes.“ Er hat nicht gesagt: „Mit Ausnahme von Kindern, die auf eine Weise gezeugt worden sind, die den Vorstellungen der Pharisäer vom ordnungsgemäßem Ablauf solcher Vorgänge widerspricht.“

Dem Christentum ist das Leben heilig. Deswegen sind Christen die letzten Menschen in dieser Gesellschaft, die daran erinnern, dass ungeborene Kinder keine Tumore sind, sondern Menschen im Werden mit einem Lebensrecht. Es ist aber irre, gleichzeitig gegen Abtreibung zu sein und dann fertigen, sprechenden, spielenden, singenden und tanzenden Kindern genau diese Menschlichkeit abzusprechen.

Für mich ist – in meinen Augen, mit Verlaub, ich übertreibe, das ist klar – ziemlich sicher: Jesus scheißt auf Sibylle Lewitscharoff.

Kommentare:

  1. Danke für diesen Text. Kurt, Wien

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  2. Super Text, danke. Vermutlich gibt es in den Augen der Dame nur eine korrekte Art der Geburt: die jungfräuliche.

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    1. Ich zitiere aus einem Leserkommentar aus der taz:
      "Denkt sie das also auch über ihren Gottessohn? Der soll ja auch auf anderem als dem natürlichen Weg gezeugt worden sein, also halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas."

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