Montag, 28. Februar 2011

Chamis Gaddafi - das wahre Schwert seines Vaters

Zu den unverhofften Nebeneffekten der libyschen Revolution gehört, dass man plötzlich gewahr wird, wie sehr der Diktator offenbar bei seiner Machterhaltung in der typischen Art eines vormodernen Stammesfürsten auf seine Kinder vertraut. Sie sind noch zahlreicher als man bisher ahnte. Einigermaßen bekannt waren ja nur Al-Saadi al-Gaddafi, der eine erfolglose Karriere als Fußballspieler in Italien hinter sich hat, sowie Saif-al-Islam al-Gaddafi, der als scheinbar moderates und weltoffenes "Gesicht" des Regimes von seinem Vater schon seit langem mit diplomatischen Missionen vor allem im Westen betraut wurde. Jetzt droht er immer wieder im libyschen Staatsfernsehen den Rebellen entweder mit Blutvergießen oder bietet ihnen Verhandlungen über einen Waffenstillstand an. Welt Online ( hier) , die Süddeutsche Zeitung (hier) und der österreichische Kurier (hier) haben bebilderte Übersichten des Gaddafi-Clans mit seinen zahlreichen Sprösslingen zusammengestellt - dazu gehört auch die einzige Tochter Aischa, die als Anwältin Saddam Hussein verteidigt hat.


Chamis al-Gaddafi 2009 in Weißrussland Foto: Charter 97
Einer wird meist nur kurz erwähnt: Khamis (so heißt er in englischen Quellen) oder Chamis (so die deutsche Transkription, an der ich jetzt auch festhalten werde) al-Gaddafi, der den spärlichen und widersprüchlichen Meldungen der letzten Wochen zufolge an der vordersten Front kämpft. Er ist anders als sein Bruder Saif-al-Islam (übersetzt: "Schwert des Islams"), der sich in der relativen Sicherheit des noch weitgehend von den Gaddafis beherrschten Tripolis aufhält, das wahre Schwert seines Vaters, und erledigt nun das blutige Geschäft der Konterrevolution.

Den Berichten der libyschen Opposition und den Wikileaks-Depeschen der US-Botschaft zufolge leitet Chamis die 32. Brigade, die als eine der am besten ausgebildeten Einheiten der libyschen Armee gilt. Im Umfeld dieser Brigade sollen auch viele der bei den Libyern naturgemäß besonders verhassten Söldner aus anderen afrikanischen Ländern operieren. Angeblich hat Chamis die meisten von ihnen höchstpersönlich im französisch-sprachigen  Tschad südlich von Libyen rekrutiert. Diesen Söldnern soll Chamis al-Gaddafi u. a. befohlen haben auf 200 bis 300 Soldaten der regulären Armee zu schießen, die sich den diffusen Quellen zufolge geweigert hatten, auf die eigenen Landsleute zu schießen.

Chamis al-Gaddafis Facebook-Foto
Ein Foto zeigt den angeblich 1980 geborenen fünften Sohn Gaddafis aus dessen zweite Ehe mit der Krankenschwester Safiya Farkash 2009 als Beobachter bei einem Manöver - ironischerweise ausgerechnet in Weißrussland, der letzten Diktatur Europas. Eine weißrussische oppositionelle Webseite schreibt über ihn, er habe das Studium an der Militärakademie in Tripolis mit einem Bachelor in Militärwissenschaften abgeschlossen, dann an der Frunse-Militärakademie der Russischen Streitkräfte seinen Doktor gemacht. Ein paar Tatsachen, die übrigens sehr schön zeigen, wer - trotz allem berechtigten Gerede über die Kumpanei des Westens mit Gaddafi - die wahren Freunde des libyschen Regimes sind. Zwar lässt Gaddafi seine Söhne auch im westlichen Ausland studieren und sich Doktorarbeiten erschwindeln - aber beim Mordgeschäft traut er offenbar Russland die höchste Kompetenz zu.

Chamis am 22. Februar in Tripolis
Seinen Moskauer Doktortitel soll Chamis al-Gaddafi der Webseite afrol news zufolge 2007 erworben haben. Dort werden auch spanische Medien zitiert, die berichten, Chamis al-Gaddafi sei seit April 2010 an der Madrid  IE Business School - unter dem Namen Khamis Muammer - für einen Masterstudiengang eingeschrieben. Eigentlich hätte er sich in den letzten Wochen für praktische Übungen in den USA und für ein Seminar in Südafrika aufhalten sollen. Doch El Pais zitiert Quellen aus der Business School, die erklären, seit dem Beginn des libyschen Aufstand "waren wir nicht mehr in der Lage, seinen Aufenthaltsort festzustellen". Kein Wunder, wie afrol News schreibt: Am 22. Februar sei der (sichtlich von den Ereignissen der letzten Wochen gezeichnete) Chamis im libyschen Staatsfernsehen zu sehen gewesen, wie er seinen Vater nach einer Rede in Tripolis als erster umarmte und beglückwünschte. Auch dies ist ein Hinweis darauf, dass  Muammar al-Gaddafi in diesen Tagen offenbar ganz besonders auf seinen militärisch versiertesten Sohn Chamis vertraut.

1 Kommentar:

  1. Angeblich soll Chamis al-Gaddafi einem Kamikaze-Attentat eines Piloten der eigenen Luftwaffe zum Opfer gefallen sein:

    http://www.zeit.de/politik/ausland/2011-03/libyen-gadhafi-sohn

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