Dienstag, 16. August 2016

Pressestimmen und Kritiken zu "Seit wann hat geil nichts mehr mit Sex zu tun?"

Andrea Gerk hat mich für "Resonanzen" vom WDR am 13. April interviewt.




Bilderstrecke zum WDR-Interview am 13. April 2016:

Wortkarrieren: Seit wann "geil" nichts mehr mit Sex zu tun hat


"Mutti", "Rocker" oder "Tschüs": Manche Wörter der deutschen Sprache haben eine ganz erstaunliche Karriere gemacht. Matthias Heine stellt sie in seiner Zeitungskolumne vor. Jetzt erscheint sein Buch mit 100 Ausnahme-Begriffen. Eine kleine Auswahl in Bildern.



Reinhard Meier in "Journal 21" am 29. April 2016:

Geil und andere Wortkarrieren


Auch Thomas Mann verwendet im „Zauberberg“ das inzwischen zum vulgären Allerweltswort mutierte „geil“. Allerdings in einem heute wenig bekannten Sinn.

Der germanistisch geschulte Journalist Matthias Heine geht in seinem unlängst erschienen Buch „Seit wann hat geil nichts mehr mit Sex zu tun?“ (Hoffmann und Campe, 2016) insgesamt hundert Wörtern nach, die im neudeutschen Sprachgebrauch erstaunliche Karriere gemacht haben. Aus der Fülle dieser Geschichten seien hier drei Begriffe und ihre merkwürdige Laufbahn näher beleuchtet: geil, Gutmensch und Shitstorm.

Noch vor drei oder vier Jahrzehnten galt das Adjektiv geil als Gegensatz zu keusch - also im Sinne von schamlos, gierig im sexuellen Sinne, triebhaft. Doch seit Mitte der achtziger Jahre ist geil vornehmlich zu einem alltäglichen Adjektiv in der Bedeutung von toll, grossartig, super geworden. Die wohl anfänglich provokativ gemeinte Verwendung des Wortes hat sich durch den inflationären Gebrauch praktisch abgeschliffen. Gewiss verwendet man geil auch heutzutage nicht in einem seriösen Leitartikel. Aber wenn ein fünfjähriger Dreikäsehoch meint, sein neues Trottinet sei einfach supergeil, dann hat er ziemlich sicher von der „unkeuschen“ Bedeutung dieses Ausdrucks keine Ahnung.

Ursprünglich hatte, so erfährt man im Buch von Matthias Heine, auch das erotisch aufgeladene geil eine viel breitere Bedeutung. Im Althochdeutschen stand es auch für „übermütig, überheblich“ und im Mittelhochdeutschen wurde es im Sinne von „von wilder Kraft, mutwillig, üppig“ eingesetzt. Diese letztere Bedeutungsnuance habe es noch heute, schreibt Heine, etwa wenn im älteren Sprachgebrauch von „geil wachsenden Pflanzen“ die Rede ist. Dazu liefert der Autor ein hübsches Beispiel aus Thomas Manns „Zauberberg“. Dort heisst es über den von Unkraut überwucherten Wald rund um Davos: „Dem Walde ging es nicht gut, er krankte an dieser geilen Flechte, sie drohte ihn zu ersticken.“

Nun zur Karriere von Gutmensch. Der Ausdruck war vor gut hundert Jahren noch ein vor allem in Österreich öfters vorkommender Familienname, auch in Russland ist der Name aktenkundig. Inzwischen aber ist dieser Familienname ausgestorben, im Wiener Telefonbuch sei er nicht mehr aufzufinden, erklärt Heine. Umso üppiger blühte er ab den 1990er Jahren und bis vor kurzer Zeit als Spott- und Hasswort, im Sinne von naiv, unbedarft, dumm. Doch inzwischen sei der Gutmensch „durch übermässigen Gebrauch der falschen Leute unbrauchbar gemacht worden“, argumentiert der Autor.

Eine Jury aus Sprachwissenschaftlern hat den Ausdruck Anfang 2016 zum „Unwort des Jahres“ gewählt. Mit dem Vorwurf Gutmensch oder Gutmenschentum würden Toleranz, Hilfsbereitschaft pauschal als dumm, hirnrissig oder als moralischer Imperialismus diffamiert, heisst es in der Begründung. Trotz dieses Verdikts der Sprachforscher: Anders als der Familienname ist der Gutmensch als Verbalinjurie noch keineswegs ausgestorben.

Schliesslich zum Shitstorm. Auf dieses Wort, schreibt Matthias Heine, „hat Deutschland seit Luther gewartet“. Erfinder des Shitstorms sind, wie so häufig bei Begriffen, die in der globalisierten Welt steile Karriere machen, die Angelsachsen. Im Englischen ist der Shitstorm seit 1948 belegt: In Norman Mailers „The Naked and the Dead“ kommt der Ausdruck zweimal vor – dort allerdings noch in zwei Wörtern geschrieben. Er steht dort im Zusammenhang mit unübersichtlichen, gefährlichen Gefechtssituationen.

Richtig populär und umgangssprachlich aber wurde der Shitstorm erst mit dem Internet und den sozialen Netzwerken. Der Shitstorm habe eine Benennungslücke gefüllt, so erklärte ein Germanist in einer Internetzeitung. Es existierte einfach kein deutsches Wort für das Phänomen einer massenhaften, schnell aufbrausenden Empörung im Internet. Der Buchautor Heine meint (vielleicht etwas gar einseitig auf seiner Herkunft fixiert) der „Scheissesturm“ sei eigentlich eine „deutsche Errungenschaft“. Anhänger Martin Luthers, des „wohl grössten deutschen Polemikers“, hätten am 15. Juni 1520 in Leipzig, Torgau und Döbeln die päpstliche Bannandrohungs-Bulle mit Kot beworfen. Im Vergleich dazu sind heutige Shitstorms doch erheblich zivilisierter geworden.



Hendrik Werner im "Weser Kurier" am 8. Mai 2016:



Eine gründlich recherchierte, elegant geschriebene Studie.



Dieter Kassel hat mich am 20. April für Deutschlradio interviewt (hier auch zu hören):



Der Problembär hat überlebt

"Geil", "Hiwi" oder "Problembär" – Journalist Matthias Heine untersucht in seinem Buch "Seit wann hat geil nichts mehr mit Sex zu tun?" die Karrieren von Wörtern. Und er zeichnet nach, wie der Wildbär Bruno Einzug in die deutsche Sprache hielt.


Mit einem Missverständnis muss Heine sofort aufräumen: Zwar war es Bayerns damaliger Ministerpräsident Edmund Stoiber, der Bruno als "Problembär" bezeichnete. Doch erfunden habe er das Wort nicht.


Es sei vielmehr bereits in den 90er-Jahren vom Schweizer Bärenmanagement benutzt worden. Mit Stoiber habe es aber ein großes Medienecho gefunden - es sei wie ein "Donnerhall" gewesen:

"Der Problembär hat überlebt, weil er eine Benennungslücke schloss. Es ist ja ein sehr anschauliches Wort, das man vor allem auch übertragen benutzen konnte. Es wurde schnell dann auch auf ungeschickte Fußballspieler oder unbeholfene Politiker übertragen. Wir haben ja mit echten Problembären in Deutschland relativ wenig zu tun, aber mit dieser Art Problembären haben wir sehr viel zu tun. Diese Anschaulichkeit, dieses Tapsige, das in dem Wort steckt, das hat dafür gesorgt, dass es so eine Karriere gemacht hat."


Heine hat auch die Karrieren anderer Begriffe verfolgt - etwa von "geil", "Hiwi" und "Panzer". Und dies nicht nur im Deutschen. Gerade "Panzer" werde in fast allen Ländern verstanden. Das Wort bringe zwei Seiten zum Ausdruck: Bewunderung für das deutsche Ingenieurswesen, aber auch Unbeweglichkeit und Bedrohlichkeit. Vor allem in italienischen Medien werde damit bis heute die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bezeichnet. Überprüfen lässt sich das wieder im Juni: bei der Europameisterschaft in Frankreich.


Das vollständige Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Als Wildbär Bruno am 20. Mai 2006 die tschechisch-bayrische Grenze überschritt, da war zunächst niemandem klar, was das für die deutsche Sprache bedeuten würde, weil zunächst niemand mit dem Bären- und Gefahrenexperten Edmund Stoiber rechnete.


O-Ton Edmund Stoiber: Wir haben dann einen Unterschied zwischen dem normal sich verhaltenden Bär, dem Schadbär, und dem Problembär.


Kassel: Und der Bär, der das alles in sich vereinigte, wurde drei Tage später abgeschossen, Edmund Stoiber war ein gutes Jahr später nicht mehr Ministerpräsident. Aber das Wort Problembär ist geblieben. Wie finden solche Begriffe Einzug in unsere Alltagssprache, wie verändern Worte ihre Bedeutung – eigentlich im doppelten Sinne, Bedeutung im Sinne von Wichtigkeit, aber auch von dem, was man wirklich mit ihnen sagen will?


Dazu ist jetzt Matthias Heine bei mir im Studio, er ist Redakteur im Kulturressort der Tageszeitung "Die Welt" und er ist Autor des Buches "Seit wann hat geil nichts mehr mit Sex zu tun – 100 deutsche Wörter und ihre erstaunlichen Karrieren". Schönen guten Morgen, Herr Heine!


Matthias Heine: Guten Morgen, Herr Kassel!


Kassel: Warum hat der Problembär in Ihren Augen als Wort überlebt, der Schad- und Risikobär nicht?


Heine: Ja, der Problembär hat überlebt, weil er eine Benennungslücke schloss. Es ist ja ein sehr anschauliches Wort, das man vor allen Dingen auch übertragen benutzen konnte. Es wurde ja schnell dann auch auf ungeschickte Fußballspieler oder unbeholfene Politiker übertragen.

Wir haben ja mit echten Problembären in Deutschland relativ wenig zu tun, aber mit dieser Art von Problembären haben wir sehr viel zu tun. Und diese Anschaulichkeit, dieses Tapsige, was in dem Wort steckt, das hat glaube ich dafür gesorgt, dass es so eine Karriere gemacht hat.


Kassel: Haben Sie damals vor zehn Jahren, als Stoiber dieses Wort erfunden hat, schon das Gefühl gehabt, oh, das ist so ein Wort, das bleibt? Oder waren Sie dann doch im Laufe der Jahre überrascht?


Heine: Nein, ich glaube, ich war damals nicht überrascht. Ich war damals ziemlich sicher, dass es bleibt, weil es wirklich sofort auch von den Medien aufgegriffen wurde. Übrigens hat Stoiber das Wort nicht erfunden.


Kassel: Oh!


Heine: Es ist schon in den 90er-Jahren vom Schweizer Bärenmanagement – übrigens auch ein Wort, das ich total interessant finde, Wolfsmanagement, Bärenmanagement – benutzt worden. Also, es ist nicht so, dass es eine Privatschöpfung von Stoiber wäre, der muss es irgendwo aufgeschnappt haben. Auch wenn es das bayrische Bärenmanagement nicht so gebraucht hat.


Kassel: Aber dann ist es doch ganz interessant, dann ist es ja doch ein Beispiel für etwas, wo ich schon fürchtete, dafür ist es eben kein Beispiel, nämlich ein Beispiel für ein Wort, das es schon gab und bis auf Fachleute hat es keiner gekannt, und dann machte es Karriere. Also, da muss so was zusammenkommen wie ein spektakulärer Fall und dann eben heutzutage auch ein großes Medienecho, oder?


Heine: Ja, natürlich. Wir erinnern uns ja alle und deswegen machen wir ja auch diese Sendung, wir reden jetzt darüber, dass der Problembär Bruno damals ein unglaubliches Medienecho hatte. Und Stoiber war ja auch nicht irgendwer, sondern bayrischer Ministerpräsident, ehemaliger Kanzlerkandidat. Und als er das sagte, das war natürlich ein Donnerhall, damit wurde das Wort, das vorher im Bärenmanagement – ich kann dieses Wort gar nicht oft genug sagen, weil es so schön ist – ein etwas verstecktes Dasein gefristet hatte, hinaus in die Welt trompetet.


Kassel: Wichtig übrigens: Bärenmanagement ohne Bindestrich, ganz wichtig, zumindest im bayrischen Deutsch. Das ist aber, dass das Presseecho so eine große Rolle spielt für die Karriere eines Wortes, nicht immer so gewesen. In Ihrem Buch sind natürlich viele Begriffe, die zu einer Zeit populär wurden, als es noch nicht so war. Was mich überrascht hat – nehmen wir das mal jetzt als völlig anderes Beispiel – ist das Wort Tanker. Panzer, nicht Tanker. Tanker kennen wir auch, aber ich meine jetzt Panzer. Wo ich immer gedacht hatte, na ja, was ist das Besondere, das ist ein ganz normales Wort, es gibt kein anderes. Aber eigentlich ist das ein ganz besonderes Wort, oder?


Heine: Ja. Der Anlass dafür, dass ich mich damit beschäftigt habe – der droht uns jetzt auch wieder, die Fußball-Europameisterschaft –, ist, dass, wie wir alle wissen, in italienischen und überhaupt in romanischen Medien, sage ich mal, Argentinien, wird ja die deutsche Nationalmannschaft immer als Panzer bezeichnet, die Panzer bezeichnet. Und ich habe mich dann mit der Wortgeschichte dieses Wortes beschäftigt, weil ich a) wissen wollte, wie kommt das, und b) seit wann gibt es dieses Wort überhaupt?


Wir würden ja alle immer denken, seit dem Ersten Weltkrieg, weil dort die ersten Panzer aufgetaucht sind. Es war aber so, dass es im Ersten Weltkrieg noch gepanzerte Schlachtschiffe eher bezeichnet hat. Wenn Sie in der Literatur aus und nach dem Ersten Weltkrieg irgendwo lesen, ein Panzer, dann ist eigentlich immer ein gepanzertes Schlachtschiff gemeint. Deswegen hat man im Ersten Weltkrieg auch in Deutschland immer noch von Tanks gesprochen oder Tanks, dann vielleicht auch Englisch ausgesprochen, so hießen die Dinger ja, als sie erfunden wurden, oder auch von Panzerkampfwagen.

Und dass das Wort so eine Weltkarriere gemacht hat und mittlerweile in fast allen Ländern der Welt verstanden wird, hat natürlich damit zu tun, dass es so bestimmte Nationaleigenschaften des Deutschen idealtypisch zu verkörpern scheint: Einerseits die Bewunderung für das deutsche Ingenieurswesen, für deutsche militärische Fähigkeiten, die kann man ja durchaus auch bewundern, wenn man möchte; aber andererseits auch das Unbewegliche, dieses etwas Bedrohliche.

Das ist alles in diesem Wort Panzer verkörpert und genau das, darauf spielen natürlich italienische Sportreporter an, wenn sie über die deutsche Nationalmannschaft schreiben, die früher so in den Zeiten von Hans-Peter Briegel sicher auch noch panzermäßiger war als heute. Mesut Özil ist ja kein Panzer.


Kassel: Warten wir ab, was in Frankreich passiert diesbezüglich. Aber was ich erstaunlich fand, ist, dass dieses berühmte Luther-Zitat, er habe dem Volk aufs Maul geschaut, vielleicht ein bisschen was hat, auch nicht unbedingt nur immer im Zusammenhang mit Luther und der Reformation, weil es ja nicht nur Fachbegriffe gibt, die irgendwann aus welchen Gründen plötzlich in aller Munde waren, sondern viele Worte – Hiwi haben Sie als Beispiel unter diesen Hundert – sind ja eher Begriffe, wo ich glaube, das haben Leute unter sich einfach mal so gesagt und dann wurde es immer üblicher, oder?


Heine: Ja, ja. Also, bei Hiwi, das kennen wir ja alle, wenn wir studiert haben, aus der Uni. Und für mich war das dann sehr interessant, weil ich vorher – das gebe ich jetzt mal zu – als 13-Jähriger "Landser"-Hefte gelesen hatte und mich viel mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt hatte. Sie sehen …

Kassel: Der Panzer.


Heine: Das Panzer-Interesse war früh angelegt. Und Hiwi hat ja im Zweiten Weltkrieg Hilfskräfte aus den jeweiligen besetzten Ländern bezeichnet, die niedrige Dienste für die Wehrmacht leisteten, die dann den Tee servierten, die Pferde fütterten oder so was. Das taucht auch in den Protokollen der Nürnberger Prozesse auf. Und ich fühlte mich dann, als dann plötzlich die Hiwis mir da die Bücher rüberreichten in der Seminarbibliothek, ein bisschen sprachlich in den Zweiten Weltkrieg zurückversetzt und ich habe dann in dem Buch eben versucht herauszufinden, wie es zu diesem Bedeutungswandel gekommen ist. Aber natürlich, denn seltsamerweise … "Hiwi" ist ja eine Abkürzung für "wissenschaftliche Hilfskraft", das müsste man ja eigentlich "Wihi" abkürzen.


Kassel: Ist aber einfach sehr viel schwerer auszusprechen.


Heine: Ja, wahrscheinlich erstens das und zweitens vermute ich auch mal, dass es einfach Professoren gab in den 50er-Jahren, die nahtlos von der Wehrmacht an die Uni übergegangen sind und für die dieses Wort auch naheliegend war, um ihre Hilfskräfte damit zu bezeichnen.


Kassel: Mein Hiwi – der wird jetzt übrigens jahrelang böse sein, dass ich ihn so nenne –, mein Hiwi winkt jetzt schon, weil uns eigentlich die Zeit ausgeht. Aber wir können jetzt ja nicht aufhören, ohne was zu dem Wort geil zu sagen! Das ist ja so ein Dreierschritt gewesen: Erst bedeutete es nichts Sexuelles, dann ausschließlich, und jetzt bedeutet es eigentlich alles. Ein geiler Film muss ja kein Porno sein.


Heine: Ja, genau. Ich habe versucht herauszufinden, seit wann diese neue Bedeutung als neutrales Steigerungswort im Gebrauch ist. Das ist seit den 70er-Jahren, davor hatte das Wort tatsächlich jahrhundertelang in erster Linie, seit dem Barock, diese Bedeutung – unkeusch im sexuellen Sinne – gehabt. Aber ursprünglich hat es früher mal eine sehr weite Bedeutung gehabt, es konnte auch einfach nur fröhlich bedeuten. Und wie jeder Biologe weiß, bedeutet es in Bezug auf Pflanzen auch: schnell wachsend, geile Ranken. Es gibt auch den Begriff Vergeilung aus der Biologie, aus der Botanik. Und es geht ursprünglich auf ein indogermanisches Wort zurück, das goilos ungefähr hieß, so hat man es rekonstruiert, und überschäumend bedeutete.


Kassel: Jetzt sind wir an der Grenze, die an einem Morgen für weitere Worterklärungen gesetzt wird, aber Weiteres kann man in dem Buch finden: "Seit wann hat geil nichts mehr mit Sex zu tun" heißt es, im Verlag Hoffmann und Campe ist es erschienen und sein Autor Matthias Heine war bei uns zu Gast. Herr Heine, vielen Dank!


Heine: Bitte, gern geschehen!




Anja Hirsch in der "Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag" am 29. Mai 2016:




Ein immer größerer Schatz




"Seit wann hat ‹geil› nichts mehr mit Sex zu tun?", fragt der deutsche Journalist und Germanist Matthias Heine (*1961) in seinem gleichnamigen Buch. Seine Antwort: Spätestens seit 1973, als der Katalogmacher eines namhaften Reiseveranstalters selbstbewusst für den «knalligen, geilen Prospekt» warb. Sextourismus wird er dabei nicht im Sinn gehabt haben. Und schon hatte ein Wort, das seit dem Barock als Gegenbegriff zu «keusch» gebraucht wurde, seine Bedeutung radikal verändert. «Geil» ist neben brisanteren Gebilden wie «Völkermord» oder «Islamismus»
 eines von hundert kurzweiligen Wortporträts gewidmet. All jenen Pessimisten, die leierkastenmässig den Sprachverfall beklagen, sei dieses Buch dringend ans Herz gelegt. Zunächst einmal
 räumt der Autor mit dem Vorurteil auf, der deutsche Wortschatz habe abgenommen
 und sei überdies von Fremdwörtern durchsetzt. Das Gegenteil ist der Fall. Studien zeigen, dass von Verarmung keine Rede sein kann, schon deshalb, weil die Wirklichkeit komplexer geworden
 ist. Die meisten Neuschöpfungen sind ohnehin Ableitungen oder Zusammensetzungen, wie «Gutmensch» oder «Plattenbau» (offiziell damals übrigens «Grosstafelbauweise»). Hinzu kommt Eingebürgertes, etwa aus dem Englischen der «Hipster» oder aus dem Tschechischen der längst einheimische «Roboter» (aus Karel Čapeks Roman «Der Krieg mit den Molchen»).


Und so erfährt man ganz nebenbei, dass «Feminismus» im 19. Jahrhundert Männer beschrieb, die weibliche Körpermerkmale entwickelten. Erst später und im Zuge der ersten Frauenbewegung kam es zur Verengung der Bedeutung. Ein typisches Wortschicksal übrigens: Die meisten, so der Autor, kommen mit mehreren Bedeutungen auf die Welt und werfen viele davon wieder ab. Sprache spiegelt immer auch Moden und Verhaltensweisen. Und natürlich ist dieses Wortschatzbuch zugleich Gesellschaftsanalyse und historisches Lehrstück.

Die Geschichten hinter den Wörtern erzählt Matthias Heine gut gewappnet mit verlässlichen Nachschlagewerken wie dem Etymologie-Klassiker «Kluge», dem bedeutenden Grimm’schen

Wörterbuch und Spezialwörterbüchern. Er durchforstet alte Romane, das Fernsehen, Zeitungen, Statistiken, um Kuriosa festzuhalten, zum Beispiel die handfeste Mutti-Mama-Mauer, die bis heute Deutschland trennt: Im Osten hält sich die Anrede «Mutti». Im Westen ist die «Mama» vertrauter. Dieser Rundumblick in Quellen und Gebräuchlichkeiten verleiht Heines Texten über das Informative hinaus unterhaltsame Qualität, etwa wenn er von der grossen Ratlosigkeit erzählt, die beim Stammelwort «Häh» durchschimmert; oder wenn er die Herkunftsgeschichte des Wortes «Kek» aufrollt, das eine schlimme Beleidigung ist und gerade aus der Rapperszene in den allgemeinen Sprachschatz überzugehen droht. Kennen ie nicht? Macht nichts. Denn der Autor ist auch Feldforscher, der uns an der Entstehung seiner Thesen teilhaben lässt. Dass Heine dabei nicht nur nach der Herkunft der Wörter fragt, sondern ihren dynamischen Wandel beschreibt, macht seine Texte selbst dynamisch. Teilweise zuvor als Kolumnen in der Zeitung «Die Welt» erschienen, sind sie gut verdaulich aufbereitet. Die Auswahl der Begriffe von A wie «Aktivist» bis Z wie «Zecke» mag beliebig wirken, legt aber doch erkennbar Schwerpunkte. Zwei eigene Exkurse sind Wörtern im Ersten Weltkrieg sowie Wörtern aus dem Kalten Krieg vorbehalten. Heine bohrt sich damit tief in die menschliche Seele hinein, in ihre radikalen Triebe und Merkwürdigkeiten. Und es ist durchaus erhellend, sich daran erinnern zu lassen, dass «dicke Luft» einmal buchstäblich eine mit Granatsplittern durchsetzte Luft meinte. Heines Faszination für Sprache überträgt sich beim Lesen und Stöbern von selbst. Man sieht vieles mit frischem Blick. Und das ist schliesslich immer von Vorteil.

Im Rundschreiben der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz äußert sich ein anonymer Autor Mitte Juni 2016:

Ausgelesen

«Häh?» sagen wir nicht nur in der Schweiz, wenn wir etwas nicht richtig gehört und verstanden haben, wenn wir irritiert sind, sondern das Wort «häh» wird zumindest in 31 Sprachen der Welt genau gleich gebraucht – wenn auch in etwas unterschiedlichen Aussprachen, aber damit kann man auch in der Schweizer Aussprache schon recht weit durch die Welt kommen. Wörter sind schon faszinierend.

So entstehen in jeder Sprache auch dauernd neue Wörter, bestehende Wörter verändern ihre
Bedeutung, Wörter veralten oder verschwinden ganz aus dem Wortschatz. Der Journalist
und Kulturredaktor der «Welt» Matthias Heine hat ein anregendes Büchlein zu rund 100
deutschen Wörtern, ihren Entstehungen und Wandlungen geschrieben. Der wohl vom Verlag
zu verantwortende Titel «Seit wann hat GEIL nichts mehr mit Sex zu tun?» darf nicht abschrecken:
Es erwartet Sie eine Lektüre mit stilistisch fein ausgeführten und linguistisch fundierten Darstellungen über Herkunft und Wandlung von Wörtern wie Nerd, Hiwi, Hipster und Shitstorm: Das Buch spürt auf vergnügliche und in wortbildender Weise dem Sinn von Wörtern nach. Dabei finden auch so unscheinbare Interjektionen wie «häh» ihren wohlverdienten Platz im Wort-Schatz.



Uwe Wittstock in seiner "Focus"-Kolumne "Buch und Bar" am 18. Juni:

Über krass hammerendgeiles Lesen und Trinken


Tief im Herzen sind wir alle Reaktionäre. Wir wissen: Die Welt verändert sich. Aber wir wollen uns nicht mitändern, sondern an dem festhalten, was uns mal gut gefallen hat. Alexander Gauland zum Beispiel will, dass Deutschland so bleibt wie es war in den Grenzen der jüngeren Steinzeit. Jogi Löw, dass die Nationalmannschaft in den Grenzen bleibt des mittleren Schweinsteiger und frühen Götze. Und ich? Ich will, dass das Wort „geil“ in den Grenzen des Schlafzimmers bleibt, und nicht alle überall damit um sich werfen. Warum? Weil ich das geiler finde.

Aber das ist unmöglich. Und Matthias Heine erklärt in „Seit wann hat ‚geil’ nichts mehr mit Sex zu tun“ (Hoffmann und Campe, 16 Euro) anhand von 100 Worten haargenau warum das nicht geht. Denn Worte und Welt verändern sich nicht nur heute, sondern haben sich schon immer verändert. Es gibt gar keinen Ursprung, zu dem wir zurückgehen können, sondern nur Veränderung. „Geil“ zum Beispiel war nie nur aufs Schlafzimmer beschränkt. Mal bedeutete es „übermütig“, dann hatte es vorübergehend mit Sex zu tun, und heute – ich kann’s nicht ändern – heißt es eben „toll, super“.

Sogar die Welt der Cocktails ändert sich. Ein neuer Trend ist White Whiskey, er wird nicht in Fässern gelagert, sondern wie in der Prohibitionszeit sofort nach dem Brand abgefüllt. Georgia Moon zum Beispiel wird deshalb stilgerecht in Einmachgläsern verkauft, wie das zu Zeiten Al Capones üblich war. White Whiskey erinnert an Wodka, schmeckt aber irgendwie schärfer, süßer, nach Mais. Ich fand es, offen gestanden, nicht so geil.




Knut Cordsen hat mit am 5. Mai für Bayern 2 interviewt.



Tobias Nagorny hat mich am 29. Mai für Radio Bremen interviewt.




Am 8. Juni 2016 hat Knut Cordsen mein Buch noch einmal auf BR5 empfohlen


Andreas Berger in der "Braunschweiger Zeitung" am 29. Juni 2016:



Wie aus Gott ein Götze wurde



Sogar Knöllchen-Horst aus Osterode kommt vor, wenn Matthias Heine in hundert kurzen Wortgeschichten die Karrieren emblematischer deutscher Wörter untersucht. Und das ausgerechnet beim Stichwort „geil“. Das hat zwar seit langem nicht mehr unbedingt was mit Sex zu tun, im Falle Knöllchen-Horsts aber doch.


Busenwunder Dolly Buster hatte über seinen Trieb, andere Leute wegen Bagatellen anzuzeigen, im Fernsehen gesagt: „Das macht den geil.“ Horst wollte Schmerzensgeld für diese Verleumdung, das Gericht verweigerte sie ihm mit linguistischer Begründung. „Geil“ heiße heute oft so viel wie „toll“, argumentierten die Richter und wiesen seine Klage ab.


Zu Unrecht, wie Heine in seinem pointierten Aufsatz zum Stichwort „geil“ schreibt. Denn den Bedeutungswandel hätten die Richter zwar richtig erkannt, aber die alte Bedeutung gebe es eben auch noch, und das war klar die von Dolly Buster intendierte: Der Rentner gerate durch die Verfolgung anderer offenbar in Erregung, so der genregerecht formulierte Vorwurf des Porno-Stars.


Heine nimmt hier wie bei hundert anderen Wörtern seinen Ausgang gern bei solchen Anekdoten des Zeitgeschehens, um dann in anspielungsreich formuliertem Stil die Bedeutungsgeschichte seiner Stichwörter aufzufächern. Der Braunschweiger Heine kommt eben nicht umsonst aus Helmut Hennes literarisch gehöhter Linguisten-Schule an der TU.


Wie nebenbei erfährt man so, dass „geil“ im Althochdeutschen noch „übermütig, überheblich“ hieß, im Mittelhochdeutschen schon „mutwillig, üppig“, bevor es im Barock vornehmlich auf „lüstern, begehrenswert“ verengt wurde, und spätestens seit den 1970ern wieder offener für alles Großartige stehen kann.


Heine belegt stets mit anschaulichen Beispielen, so dass es Spaß macht, diese einst in der „Welt“ erschienenen Wortsteckbriefe vom Nachttisch weg als Betthupferl nach und nach zu vernaschen. Denn allzu viele auf einmal mindern Reiz und Aufnahmevermögen, da wiederholt sich die Bauart der Artikel dann doch zu sehr.


Von „Aktivist“ bis „Zecke“ hat sich Heine vor allem Wörter herausgegriffen, die eine politische Karriere hinter sich haben. Wie der von den Nazis unmöglich gemachte „Gau“, den er gern rehabilitieren möchte, oder der heute verunglimpfte „Gutmensch“, „durch übermäßigen Gebrauch der falschen Leute ist es unbrauchbar gemacht worden“. Heine hat immer auch eine Meinung zu den Wörtern. Ob wirklich alle gerade so prägend sind, lässt sich spätestens beim „Aluhut“ (für Anhänger von Verschwörungstheorien) in Frage stellen. Vom „Weltmeister“ liest man in diesen fußballgetränkten Zeiten aber sicher gern. Einst war er der Schöpfergott, seit 1886 ist er der Sieger in internationalen Sportwettbewerben. So wird im Fußball der Gott ein (Mario) Götze.


-bl in "Badische Neueste Nachrichten" am 4. Juli:


„Seit wann hat geil nichts mehr mit Sex zu tun?“– das ist nicht die einzige Sprachfrage, der Matthias Heine in einer Kolumne der Tageszeitung „Die Welt“ nachging. 100 deutsche Wörter und ihre erstaunliche Karrieren hat der Kulturredakteur unter die Lupe genommen. „Geil“hat da tatsächlich einen erstaunlichen Werdegang hinter sich – war das Attribut seit dem 15. und bis weit in das 20. Jahrhundert stark sexuell konnotiert, so nähert es sich inzwischen wieder mehr seinem mittelhochdeutschen, das heißt: größeren und weniger spezifischen Bedeutungsumfang an.
Es sind interessante, weit gespannte Horizonte, die Heine aufreißt. Wobei er die Sprachgeschichte ebenso berücksichtigt wie neuere Literatur oder Rockmusik. Nicht zuletzt wird da (etwa bei Begriffen wie „Aluhut“, „Fuck“oder Plattenbau“) dem Zeitgeist auf die Pelle gerückt. Insgesamt: lesenswert, weil vergnüglich und höchst informativ.




dpa am 12. Juli (veröffentlicht in "Hamburger Abendblatt", "Bild" und vielen Regionalzeitungen":

100 deutsche Wörter und ihre Geschichte



Manches Wort hat schon eine erstaunliche Karriere hinter sich. Das Adjektiv "geil" etwa änderte im Laufe seiner über tausendjährigen Geschichte mehrfach die Bedeutung. Im Althochdeutschen wurde es im Sinne von "übermütig" oder "überheblich" gebraucht, im Mittelhochdeutschen bedeutete es "üppig", dann kippte es ins Sexuelle und hieß so viel wie "lüstern".


Etwa seit den 1970er Jahren steht "geil" einfach nur für "toll" oder "großartig". Matthias Heines Buch "Seit wann hat "geil" nichts mehr mit Sex zu tun?" versammelt noch viele andere interessante oder skurrile Geschichten zu Wörtern. Wie gelangte zum Beispiel das Wort "Kanake" von der Südsee nach Deutschland und warum wurde es auf dem langen Weg hierher zum Schimpfwort? Und wem gebührt die zweifelhafte Ehre, das vulgäre englische "fuck" auch hierzulande heimisch gemacht zu haben? Tatsächlich war es Charles Bukowski mit seiner Erzählung "Fuck Machine" (1977). Auch die Deutschen haben wenig Grund zum Stolz auf ihren erfolgreichsten Sprachexport, es ist nämlich ausgerechnet das Wort "Nazi".

Peter Iletschko in "Der Standard" (Sammelrezension) am 15. Juli 2016:

Irgendwie geil: Ein paar Hinweise auf Wissenschaftsbücher


Der Hipster kommt aus Afrika, so viel steht fest. Erkenntnisse dieser Art sammelt Matthias Heine in seinem Buch Seit wann hat geil nichts mehr mit Sex zu tun? (Hoffmann und Campe), in dem er 100 deutsche Wörter und ihre erstaunlichen Karrieren beschreibt und dabei keine Berührungsängste vor dem Gemeingermanischen hat, wie er Worte bezeichnet, die jeder spricht, aber niemand ausgesprochen haben will. So findet sich natürlich auch "Fuck" in dieser Sammlung, seit der Filmkomödie Fack ju Göhte "ganz breiter Mainstream" und wahrscheinlich mit der Punkszene in die deutsche Sprache gekommen.


Donnerstag, 7. Januar 2016

Herzog und Klavierbauer - zwei Braunschweiger in Waterloo

Ich habe über Weihnachten die beiden Bücher von Marian Füssel und Johannes Wilms über die Schlacht von Waterloo gelesen. Danach habe ich ein bisschen gestaunt, warum es in Braunschweig – im Gegensatz zu Hannover – so wenig Waterloo-Folklore gibt, obwohl doch Hannoveraner und Braunschweiger in der Schlacht auf englischer Seite unter dem Kommando Wellingtons gekämpft haben. Und immerhin ist in dem Gefecht von Quatre Bras, in dem eine Vorentscheidung für Waterloo fiel, weil es den Franzosen unter Ney nicht gelang, die strategisch wichtige Straßenkreuzung bei dem Ort zu besetzen, der Herzog von Braunschweig gefallen.
Porträt Friedrich Wilhelms aus dem Jahre 1809 von Johann Christian August Schwartz.

Nach diesem war immerhin das Lokal "Zum Schwarzen Herzog" an der Celler Straße benannt, das es in den Achtzigerjahren noch gab. Seine Statue stand lange an der Kurt-Schumacher-Straße, in der Nähe des Löwenwalls, wo auch auf dem Obelisk an ihn erinnert wird. Nun steht sie immerhin wieder vor dem neuen Schloss zentral in der Innenstadt. Es gibt auch eine kleine Waterloo-Straße in der Nähe des Nussbergs im Östlichen Ringgebiet.

Aber ich bin in Braunschweig zur Schule gegangen, ohne jemals zu erfahren, dass Braunschweiger Truppen in Waterloo mitgekämpft haben. Ich wusste nicht, dass der Friedrich-Wilhelm-Platz nach dem Schwarzen Herzog heißt und erst recht nicht, dass er sich zuvor in einem Gefecht bei Ölper, also bei mir in Veltenhof gleich um die Ecke,  mit seiner Schwarzen Schar gegen eine dreifache Übermacht der Franzosen behauptet hatte. Mir war auch nicht klar, dass Georg Ludwig Korfes, Johann Elias Olfermann und Friedrich Ludwig von Wachholtz Persönlichkeiten aus der Zeit der napoleonischen Kriege waren, nach denen in Braunschweig Straßen benannt sind. Auch über den Zusammenhang der Husarenstraße mit dieser Zeit habe ich nie etwas erfahren.

Vielleicht ist der Missbrauch, den man mit dem Schwarzen Herzog zu Zeiten deutschnationaler Aufwallungen getrieben hatte, schuld daran, dass man in den Siebzigerjahren solchen Anekdoten misstraute. Er, der sich den Franzosen nie ergab, sondern nach England floh, nachdem er bis 1809 gegen Napoleon gekämpft hatte, wurde zum Symbol unbeugsamen Widerstands auch in ausweglosen Situationen – quasi ein wandelndes Kolberg. Das gefiel noch den Nazis.

Aber Wilms erklärte auch, warum generell in Deutschland die Erinnerung an Waterloo nie so stark war wie in Großbritannien: Während der Sieg Englands Weltmachtposition für das ganze Neunzehnte Jahrhunderte festigte, erfüllten sich deutsche und speziell preußische Hoffnungen auf eine dauerhafte Schwächung Frankreichs oder gar auf Gebietsgewinne nicht. Man pflegte deshalb hierzulande eher die Erinnerung an die Völkerschlacht bei Leipzig, durch die die Franzosen aus Deutschland vertrieben wurden.

Immerhin beginnt man allmählich offenbar, sich der Gestalt des Schwarzen Herzogs wieder etwas unbefangener zu nähern. Seit den Neunzigerjahren (da war ich schon weg) braut Wolters (wieder) das Bier "Schwarzer Herzog", es gibt einen Verein, der Militaria aus der Zeit in Originaluniformen nachspielt (ich möchte das hässliche Wort Reenactment vermeiden) und zum zweihundertsten Todestag von Friedrich Wilhelm gab es eine große Ausstellung im Landesmuseum. Dort kan man auch einen Kühlschrankmagneten mit dem Porträt des Herzogs von Schwartz kaufen.

Mathieu Ignace van Brée - Herzog Friedrich Wilhelm auf dem Totenbett - 1815
Füssel erzählt noch eine unwiderstehliche Saga über einen ganz anderen berühmten Braunschweiger in Waterloo: "Zwischen 20.30 Uhr begannen die Briten mit einem generellen Vormarsch. Als einziger noch aktiver Signaltrompeter blies der 18-jährige Heinrich Engelhard Steinweg (1797-1871) aus dem Freikorps des Herzogs von Braunschweig zum Angriff. In New York gründete dieser Steinweg 1854 mit seinen Söhnen übrigens das renommierte Klavierbauunternehmen Steinway & Sons." Zuvor hatte er schon 1835 das hatte noch existierende Klavierbauunternehmen Grotrian-Steinweg gegründet.

Ich musste 54 Jahre alt werden, um in Berlin solche tollen Braunschweiger Geschichten zu entdecken.

Dienstag, 5. Januar 2016

Die wahren Lügen über Silvester am Kölner Hauptbahnhof

Für Internetpostings, Artikel und Politikerkommentare zu den Vorgängen in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof gibt es mittlerweile bereits ein erprobtes Arsenal von Floskeln. Das Adjektiv unglaublich darf nicht fehlen, es muss darauf hingewiesen, dass es rechtsfreie Räume nicht geben darf, als Ursache wird oft falsch verstandene oder übertriebene Toleranz genannt, nun wird rückhaltlose Aufklärung gefordert und natürlich wird den Medien (die Lügenpresse mal wieder) unterstellt, ihr Schweigekartell hätte die Berichterstattung gerne unterdrückt.

Das alles ist ziemlicher Bullshit. Die Berichterstattung in den offiziellen Kölner Lokalmedien begann schon am 1. Januar, davon kann sich jeder bei Google News überzeugen. Wenn sie zunächst kleiner ausfiel, dann weil die Zahl der Opfer sich erst im Laufe der Tage durch immer neue Anzeigen erhöhte und es auch eine Weile dauerte, bis aus Polizeiberichten und Zeugenaussagen, die ganze Dramatik der Ereignisse ersichtlich wurde. Dass es etwas länger braucht, bis die überregionalen Medien auf solche lokalen Ereignisse reagieren, entspricht dem normalen Rhythmus der Berichterstattung. Denn sie wollen schließlich gerne auch noch mit eigenen Recherchen punkten und das kostet dann noch einmal Zeit. Im übrigen waren der 1. bis 3. Januar ein langes Wochenende, da sind die Redaktionen nur dünn besetzt, es gab nur wenige Personalreserven, um eigene Reporter nach Köln zu schicken. Und noch einmal: Man musste auch erstmal begreifen, dass sich hier etwas Besonderes abgespielt hat. Aggressive Menschenmassen in der Silvesternacht sind schließlich nichts Neues in Deutschland.

Womit wir bei Bullshit Nr. 2 wären: Rechtsfreie Räume werden selbstverständlich seit langen überall geduldet. Wenn größere Gruppen junger Männer Delikte oder Straftaten begehen, greift die Polizei selten so ein, wie sie es nach dem Rechtsempfinden normaler Menschen eigentlich müsste. Die Zeiten, als sofort mit dem Wasserwerfer und Tränengas in jede Zusammenrottung hineingefeuert wurde und die Quote der polierten Fressen niemals unter zehn Prozent lag, sind längst vorbei – in Köln genauso wie jedes Jahr am 1. Mai in Berlin, bei Nazi-Horden vor sächsischen Flüchtlingsheimen, bei der HoGeSa-Demo 2014 ebenfalls in Köln (als Tausende durch die Stadt zogen, Naziparolen schrien, ungezählte Sachbeschädigungen begingen und jeden, der ihnen in die Quere kam, bedrohten) oder im Umfeld jedes Fußballstadions.

In ganz Berlin sind auch dieses Jahre wieder Menschen (darunter Frauen) aus ähnlich großen Männerrotten wie in Köln beschossen worden –  nicht nur mit Silvesterraketen, sondern auch mit Gummimunition, Gaspistolen und Leuchtkugeln. Das passiert keineswegs nur in Migrantenvierteln von Kreuzberg, Neukölln oder Wedding. Eine Freundin hat voriges Jahr in Prenzlauer Berg an der Gethsemanekirche Hartgummigeschosse abbekommen – ganz in der Nähe der Kneipe, vor der vor einigen Jahren Leander Haußmann von jungen Männern, die auch nie gefasst wurden, halbtot geschlagen wurde. Das alles wird als normal und kaum noch berichtenswert empfunden.

Zwei ganz andere Beispiele aus meiner Heimatstadt: 2009 haben Hooligans aus der Szene von Eintracht Braunschweig einen Regionalzug überfallen, in dem Fans von Hannover 96 saßen. Sie griffen diese und auch Mitreisende, darunter Kinder, mit Baseballschlägern, Stangen und Steinen an. Es gab zwar eine dpa-Meldung, aber die druckte kaum jemand. Einen überregionalen Medienbericht gab es nur, weil im Zug zufällig ein Mitarbeiter von "Spiegel Online" saß. Immerhin kam es 2011 zu acht Verurteilungen von beteiligten Hooligans. Berichtet wurde fast nur in der "taz" und in linken Blogs.

Ich erinnere mich auch daran, dass in Braunschweig vor etwas zehn Jahren einmal wie aus heiterem Himmel nachts hunderte Jugendliche im Umfeld der Diskotheken am Gieseler Wall randalierten und die wie in Köln völlig überraschten Polizisten zunächst hilflos waren. Berichtet haben nur Lokalmedien. Man stelle sich vor, wie das Echo in beiden Fällen gewesen wäre, wenn die Täter Ausländer oder gar Flüchtlinge gewesen wären!

Deswegen ist die Behauptung, die Medien hätten die Kölner Ereignisse verschweigen wollen, weil Ausländer daran beteiligt waren, Bullshit Nr. 3. Ich behaupte sogar: Die Berichterstattung wäre nie so groß ausgefallen, wenn die Täter keine Araber oder was auch immer gewesen wären und die Opfer keine Frauen. Hätte deutscher Genschrott sich ähnlich benommen (soll vorkommen, wenn er in größeren besoffenen Gruppen auftritt), wäre das alles nicht über die Kölner Lokalmedien hinausgelangt.  Hätten die Ausländer 80 deutsche Männer krankenhausreif geschlagen, wäre das Echo wohl auch wesentlich leiser gewesen. Ebenfalls würden wohl viel weniger Medien viel kleiner berichten, wenn die Kölner Täter bei ihren Leisten geblieben wären und nur Diebstähle begangen hätten (der Zusammenhang zwischen Diebsbanden un den Silvesternacht-Ärschen ist ja offenbar bewiesen) statt sexueller Übergriffe. Die unwiderstehliche Kombination von Köln ist: Ausländer, Frauen und Sex.

Freitag, 18. Dezember 2015

Die kleinste Großoffensive aller Zeiten

Ich lese gerade in meinem eigenen Medium, dass der IS eine "Großoffensive" im Nordirak gestartet habe und dass die kurdischen Peschmerga diese abgewehrt hätten. Im Artikel steht dann: "Die Großoffensive starteten etwa 300 schwer bewaffnete Kämpfer der Terrormiliz IS von Mossul aus, der zweitgrößten Stadt im Irak." 170 von ihnen sollen von den Kurden getötet worden sein.

300 bzw. 170! Soviele sind in Waterloo schon auf dem Klo vom Blitz getroffen worden, bevor es überhaupt los ging. Allmählich glaube ich, Steven Pinker könnte recht haben. Der behauptet ja in seinem Buch "Gewalt", dass - trotz unsere gegenteiligen Wahrnehmung in der Moderne wesentlich weniger Menschen Opfer von Krieg und Gewalt werden als in der Vergangenheit. Und es stimmt vermutlich – zumindest prozentual auf die früher viel niedrigeres Gesamtbevölkerung umgerechnet: Dschingis Khan und Timur Lenk waren möglicherweise noch schlimmere Völkermörder als Adolf Hitler.

Ein anderes Beispiel dafür, wie empfindlich wir heute auf relativ niedrige Todeszahlen reagieren: Für den Westfeldzug 1940, der als glanzvollster Blitzkrieg gilt, bei dem Frankreich quasi im Hui überrollte wurde, geht man von 49.000 Toten und 18.000 Vermissten allein auf der deutschen Siegerseite aus. Heute würde keine deutsche Regierung einen Krieg mit 70.000 Todesopfern politisch überleben.

Die Zukunft des Wortes "Polen-Versteher"

Angesichts dessen, was gerade in Polen unter der neuen nationalkonservativen Regierung passiert, wage ich mal eine Prophezeiung: Wir werden in den nächsten ein bis zwei Jahren ziemlich viele Artikel zu lesen bekommen, in denen uns nach jedem neuen halbfaschistischen monomanischen Irsinn, den sich Kaczynski & Co erlauben, erklärt wird, dass das alles nichts mit dem wahren Polen zu habe. Das Strickmuster kennt man von der "Islamismus hat nichts mit dem Islam zu tun"-Debatte. Und irgendwann, je länger der Spuk dauert, wird sich für die Autoren dieses verharmlosenden Genres völlig zurecht das gehässige Schlagwort "Polen-Versteher "einbürgern.

Damit wir uns recht verstehen: Ich würde mir nichts sehnlicher wünschen, als dass diese Optimisten recht behalten. Ich habe seit dem Zusammenbruch des Sozialismus mit zunehmender Bewunderung auf die Polen geschaut und sie um die Härte, den Fleiß und die Disziplin beneidet, mit denen sie die Transformation bewältigt haben. Von ihnen hätte am allerwenigsten unter allen osteuropäischen Völkern erwartet, dass sie je zu einer antiwestlichen Position zurückkehren.

Freitag, 25. September 2015

Fontanes "Linguistic Turn"

Nach "Ulysses", "Narciß und Goldmund" und "Anton Reiser" habe ich die Rekonvaleszenz und das Leseverbot nach der Augenoperation nun auch noch genutzt, um mir Fontanes "Der Stechlin" komplett anzuhören. Für mich war frappierend und besonders interessant, dass die Figuren darin ständig über Sprache reflektieren. Fünf Jahre vor Hofmannsthal Chandos-Brief wird die Sprache im "Stechlin" geradezu penetrant zum Thema. Dauernd wird vermerkt, dass ein Wort neu oder alt ist, dass neuerdings (Ende des 19. Jahrhunderts) englische Ausdrücke die französischen verdrängen, dass ein Wort einer bestimmten sozialen Sphäre angehört (Dubslaw nennt einmal "ausbaldowern" ein "Wort aus der Diebssprache") – eine Figur, die dieser Sphäre nicht angehört, es aber trotzdem verwendet, und sogar die gesellschaftliche Aura von Namen wird an einigen Stellen thematisiert. Laut Auskunft meines KollegenTilman Krause ist das eine Spezialität des späten Fontane. Sollte ich jemals eine Doktorarbeit schreiben, wäre Fontanes "Linguistic Turn" sicher ein Thema. Aber wahrscheinlich hat darüber längst jemand geschrieben. Für Hinweise bin ich dankbar.

Dienstag, 1. April 2014

Der älteste Beleg für das Wort "Aprilscherz"

Den vermutlich ältesten Beleg für das Wort "Aprilscherz" habe ich in Levin Schückings zwischen 1837 und 1848 geschriebener Erzählung "Eine dunkle Tat" (an der seine Freundin Annette von Droste-Hülshoff mitarbeitete) gefunden. Im fünften Kapitel steht:

"Herr von Kraneck lachte, »wissen Sie noch, wie Sie in die Flasche kriechen wollten?«

»Oh, Ew. Gnaden, es war ja ein Aprilscherz!«

»April? Nichts da, es war mitten im März; wollen Sie den Kalender sehen, worin ich's angestrichen habe?"

Jacob Grimm kannte das Wort offenbar noch nicht, als er 1852 den ersten Band des "Deutschen Wörterbuchs" veröffentlichte. Dort gibt es nur "Aprilnarr". Die Tradition des In-Den-April-Schickens stammt aus Deutschland und hat sich von dort in Europa und Nordamerika verbreitet. Die Redensart „in den April schicken“ taucht schon 1618 in Bayern auf. Der früheste Beleg im "Oxford Dictionary" für "April Fool" stammt von 1845.

Donnerstag, 6. März 2014

Verbalonanie-Verbot für Sibylle Lewitscharoff

Was ist eigentlich in diesem Land los? Welche faulig phosphoreszierenden Giftblüten bringt der Wettbewerb um die allerstärkste „starke Meinung“ und die allerinkorrekteste politische Inkorrektheit eigentlich noch hervor? Offenbar muss mittlerweile wöchentlich ein führender Intellektueller seinem dumpfen Drang nachgeben, irgendwelchen anderen Bevölkerungsgruppen die volle Menschlichkeit (und indirekt damit wohl auch das Daseinsrecht) abzusprechen. Die vielfach preisgekrönte Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff hat nun in diesem Entmenschlichungswettstreit eine neue Dimension erreicht, indem sie die allerunschuldigste Bevölkerungsgruppe dämonisiert und als Produkt „abartiger“ und „widerwärtiger“ Frankenstein-Machenschaften bezeichnet: Kinder.

Natürlich dehumanisiert sie nicht alle Kinder. Sondern nur die „nicht ganz echten“. In ihrer „Dresdener Rede“ mit dem Titel „Von der Machbarkeit. Die wissenschaftliche Bestimmung über Geburt und Tod“, die sie am Wochenende im Schauspielhaus der sächsischen Hauptstadt gehalten hat, spricht sie Kindern das Menschsein ab, die durch künstliche Befruchtung gezeugt wurden. Sehr zum Entsetzen der Zuhörer und auch des einladenden Theaters, dessen Chefdramaturg Robert Koall, ihr – ein ungewöhnlicher Vorgang – in einem offenen Brief widersprach und seine Fassungslosigkeit ausdrückte.

In der ekelhaftesten Passage der von Ekelhaftigkeit triefenden Tirade begründet Lewitscharoff ihren Widerwillen gegenüber In Vitro gezeugten Kindern so: „Weil mir das gegenwärtige Fortpflanzungsgemurkse derart widerwärtig erscheint, dass ich sogar geneigt bin, Kinder, die auf solch abartigen Wegen entstanden sind, als Halbwesen anzusehen. Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas.“

Gesteigert werden kann Frau Lewitscharoffs Widerwille nur noch, wenn sich gar zwei Frauen anmaßen, „Frau Doktor und Herr Doktor Frankenstein, die weithin geschätzten Reproduktionsmediziner“ zu beauftragen, ihnen bei der Erfüllung ihres Kinderwunsches behilflich zu sein. Sie trug vor: „Grotesk wird es aber spätestens in anderen, inzwischen durchaus zahlreichen Fällen, [...] in denen sich lesbische Paare ein Kind besorgen, indem entweder ebenfalls ein anonymer Spender oder ein naher Verwandter der Freundin der künftigen Mutter herangezogen wird, um sein Sperma abzuliefern.“

Damit war der Punkt „Verächtlichmachung von Nicht-Heterosexuellen Menschen“ aus dem Standard-Rezept zur Herstellung von solchen politisch inkorrekten Suaden abgehakt. Nun fehlte nur noch ein Nazi- oder Stalin-Vergleich. Frau Lewitscharoff beeilte sich, ihrem Süppchen, auch diese Ingredienz hinzuzufügen: „Mit Verlaub, angesichts dieser Entwicklungen kommen mir die Kopulationsheime, welche die Nationalsozialisten einst eingerichtet haben, um blonde Frauen mit dem Samen von blonden blauäugigen SS-Männern zu versorgen, fast wie harmlose Übungsspiele vor.“

So weit, so hirnrissig. Natürlich hat die Autorin in ihrer Rede die üblichen Distanzierungsfloskeln eingebaut, von denen mittlerweile offenbar alle glauben, wenn man sie benutze, könne man jeden Dreck sagen, ohne dafür wirklich verantwortlich zu sein: „für mich“, „mir erscheint“, „in meinen Augen“, „das ist gewiss ungerecht“, „mit Verlaub“ und „ich übertreibe, das ist klar, ich übertreibe“. Angesichts dessen fragt der Dresdener Chefdramaturg Koall: „Was wollen Sie mit dem letzten Satz sagen? Dass nur, weil man etwas sagt, das noch lange nicht heißt, dass man es auch so meint?“

Man kann sich über Lewitscharoffs Rede aus vielerlei Gründen aufregen. Mich widert sie aus zwei persönlichen Gründen ganz besonders an.

Erstens, weil ich vor 52 Jahren „unehelich“ geboren wurde . Ich erinnere mich noch ganz gut, wie mir, dem „Italiener-Balg“, böse Tanten, die Frau Lewitscharoff ganz ähnlich waren, zu verstehen gaben, dass ich in ihren Augen minderwertig war. Denn ich wurde nicht auf die Art gezeugt, die sie für die einzige akzeptable hielten.

Zweitens tritt Frau Lewitscharoff ja seit längerer Zeit mehr und mehr als „christliche“ Stimme auf. Und man hört bei ihr einen Nachhall biblischer Verdammung jeder unrechtmäßigen Verwendung des Samens – etwa wenn sie ein „Onanieverbot“ als „weise“ bezeichnet.

Angesichts solcher Verdrehungen der christlichen Botschaft kommt man zum Schluss, dass ein Verbal-Onanie-Verbot für Sibylle Lewitscharoff sehr weise wäre. Denn Jesus hat gesagt: „Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solcher ist das Reich Gottes.“ Er hat nicht gesagt: „Mit Ausnahme von Kindern, die auf eine Weise gezeugt worden sind, die den Vorstellungen der Pharisäer vom ordnungsgemäßem Ablauf solcher Vorgänge widerspricht.“

Dem Christentum ist das Leben heilig. Deswegen sind Christen die letzten Menschen in dieser Gesellschaft, die daran erinnern, dass ungeborene Kinder keine Tumore sind, sondern Menschen im Werden mit einem Lebensrecht. Es ist aber irre, gleichzeitig gegen Abtreibung zu sein und dann fertigen, sprechenden, spielenden, singenden und tanzenden Kindern genau diese Menschlichkeit abzusprechen.

Für mich ist – in meinen Augen, mit Verlaub, ich übertreibe, das ist klar – ziemlich sicher: Jesus scheißt auf Sibylle Lewitscharoff.

Sonntag, 14. Juli 2013

München leuchtet grauschwarz


Wer seinen Protagonisten, einen gerade aus dem Gefängnis entlassenen Ex-Häftling, "Franz" nennt, tritt damit in überlebensgroße Fußstapfen – nicht nur in die von Alfred Döblin, der die Geschichte seines Titelhelden Franz Biberkopf in "Berlin Alexanderplatz" damit beginnen lässt, dass die Knasttüren in Tegel sich hinter ihm schließen und er wieder draußen ist, sondern auch in die von Rainer Werner Fassbinder, der Döblins Roman 1980 als 13-Teiler für den WDR verfilmt hat – mit das Beste, was jemals mit deutschen Gebührengeldern bezahlt wurde.

Just zu dieser Zeit spielt auch Frank Schmolkes Graphic Novel "Trabanten", ihr Schauplatz ist die Fassbinder-Stadt München und ihre Handlung eine melancholiche Hymne auf einen einsamen proletarischen Außenseiter, der im Grunde von Anfang an verloren ist. Es gibt auch einen Kommissar, der mehr ein resignierter Mittelsmann zwischen den Sphären und zugleich ein väterlicher Verbrecher-Versteher vom Schlage Maigrets ist als ein realistischer Bulle. Bei Schmolke kommt obendrein noch ein Schuss Punk-und-New-Wave-Gefühl dazu – von diesen Ende der Siebzigerjahre aus New York und London herübergeschwappten Einflüssen wurde der 1982 gestorbene Fassbinder ja nicht mehr berührt.

Die Geschichte um den Ex-Knacki Franz Huber (hier eine Leseprobe), der – kaum in Freiheit  – Ärger mit dem ebenso fetten wie brutalen Bruder eines tödlich verunglückten Kumpels und dessen übergewichtiger Schlägertruppe bekommt, ist vordergründig recht einfach: Franz bekommt die Nase gebrochen und sieht jetzt aus wie Burkhard Driest. Franz lernt eine kurzhaarige Studentin vom Typ "junge Inga Humpe" kennen und hat ein Verhältnis mit ihr. Sein bester Freund, ein Punk, wird von den Fetten fast totgeschlagen, aber Franz will trotzdem weiter nichts mit der Polizei zu tun haben, aus Angst, wieder in den Bau zu müssen. Am Ende kommt es zum Showdown auf dem Rohbau des Pharao-Hauses, einem 18-stöckigen Hochhaus in Unterföhring. Das ist, glaube ich, ein Anachronismus: Das Haus wurde schon 1974 fertiggestellt, lange vor Beginn von Franz' Geschichte.

Einen Zug ins Magische bekommt die Story durch Franz' Faszination für den amerikanischen Maler Jackson Pollock. Seine wachsende Besessenheit durch die wild-abstrakten Pollock-Gemälde leitet die Metamorphose des Franz Huber ein: Am Ende wird er selbst zu einem Pollock, ungreifbar für Freund und Feind. Man erinnere sich, dass Ende der Achtziger auch Christoph Ransmayrs Roman "Die letzte Welt" über den "Metamorphosen"-Dichter Ovid erschien: das München in "Trabanten" sieht genauso grauschwarz, gottverlassen und einsam aus wie das Tomi (heute Constanta) am Schwarzen Meer, in das Ovid verbannt wurde.

Ein tolles Buch, für meinen Geschmack ein klein wenig zu steif gezeichnet, aber diesen Mangel  – wenn er denn ein realer ist  – lässt die Geschichte leicht vergessen.